Ein Tischgespräch über „Gödel, Escher, Bach: Ein Endloses Geflochtenes Band“ von Douglas R. Hofstadter, eines der ungewöhnlichsten Bücher des 20. Jahrhunderts, halb Wissenschaft, halb Philosophie, halb spielerische Literatur, geht im allgemeinen Tischgespräch auf und unter und kann nicht vertieft werden, was recht bedauerlich ist.
Einige an das Tischgespräch anschließende Gedanken:
Hofstadter geht es um Bewusstsein, Intelligenz, Selbstreferenz und formale Systeme. Er zeigt, wie aus starren Regeln etwas Lebendiges entstehen kann, etwa Bedeutung, Kreativität oder Denken.
Er nutzt drei Leitfiguren, zum ersten Kurt Gödel, der 1931 mit seinem Unvollständigkeitssatz darauf aufmerksam machte, dass jedes hinreichend mächtige logische System wahre Aussagen enthält, die es selbst nicht beweisen kann. Das war seinerzeit ein Schock: Formale Systeme sind prinzipiell begrenzt, nicht nur praktisch.
Zum zweiten M. C. Escher, jenen außergewöhnlichen Künstler, der Bilder malt, die sich selbst widerspiegeln, wie etwa Hände, die sich gegenseitig zeichnen oder Treppen, die zugleich auf- und abwärts gehen. Reine visuelle Selbstreferenz.
Und zum dritten Johann Sebastian Bach, der Strukturen komponiert, die sich ineinander verschachteln, der Kanons, Fugen und Themen erschaffte, die rückwärts und vorwärts funktionieren. Nicht anderes als musikalische Selbstreferenz.
Hofstadter argumentiert nun, diese drei Welten, Logik, Kunst und Musik, zeigten alle Formen rekursiver Schleifen. Und er stellt die große Frage: Könnte unser Bewusstsein selbst so eine Schleife sein? Also kein Geist über der Materie, sondern ein System, das sich selbst beschreibt, bis aus fortgesetzter Beschreibung ein Ich entsteht.
Das Ich nicht als Ding, sondern als Prozess, als fortgesetzte Selbstvergewisserung, Gedanken erschaffen Gedanken. Sobald ein System sich dabei selbst beobachten kann, entsteht eine Schleife, und genau dort beginnt Bedeutung und Beobachtung zweiter Ordnung. Das ist auch der Grund, weshalb wir über uns selbst nachdenken können – und KI übrigens vielleicht irgendwann auch, aber das ist ein anderes Thema, wenngleich auch dies nur unvollständig ist, denn Hofstadters Werk kann als bedeutend angesehen werden für die KI-Debatte.
Wenn das Ich jedoch als Schleife entsteht, Gedanken anschließen an Gedanken an, kein Gedanke ohne Vorgedanke entsteht und somit Autopoiesis auch im Bewusstsein stattfindet, woraus sich irgendwann darin ein Ich bildet, dann ist dies letztlich nichts anderes als Bielefelder Schule: Das psychische System ist keine Substanz, sondern eine Beobachtungsfigur, die Kontinuität markiert, wo faktisch nur fortgesetzte Aktualisierung stattfindet. Identität ist somit weniger Besitz als Leistung; die Aufrechterhaltung einer erzählerischen Kohärenz im Strom kontingenter Erfahrungen.
Ein Ich entsteht demnach nämlich dort, wo ein System bestehend aus Elementen (Gedanken), Operation (Denken schließt an Denken an), Struktur (Erfahrungen, Begriffe, Erinnerungen) und Autopoiesis (das System erzeugt sich, indem es denkt), stabil über sich selbst spricht und sich in seinen eigenen Beschreibungen wiedererkennt. Das Ich als selbstreferenzielle Schleife; nicht mystisch, sondern operativ.
Das bedeutet auch: Wir sind nicht Gefangene eines Ich, sondern wir konstruieren und rekonstruieren es ständig neu; Identität ist Prozess, kein Besitz, diese Schleife bewusst zu führen anstatt wegzulaufen, ist eine der Aufgaben. Jede Entscheidung reduziert Möglichkeiten, aber eröffnet zugleich neue Differenzen, mit neuen Anschlussoptionen. Durch jede Reduktion wird Komplexität gesteigert. Das System hungert nach immer feineren Unterscheidungen. So wachsen Bewusstsein, Kultur, Wissenschaft und das Ich.
Wenn alles Konstruktion ist, kann das befreiend sein. Aber es kann auch verunsichern, sogar existenziell. Wenn Systemtheorie jedoch sagt: Das Ich ist konstruiert, die Welt, so wie wir sie erleben, ist konstruiert, selbst Komplexität ist konstruiert, dann bedeutet das nicht: „Nichts ist real“, sondern „nichts ist direkt gegeben, alles erscheint nur durch Unterscheidungen.“
Wenn Ich und Welt Konstruktionen sind, folgt jedoch: Es gibt keinen festen metaphysischen Boden, keine letzte Gewissheit, kein garantiertes eigentliches Ich hinter allem, hinter all den Ichs, die wir sind.
Den Gedanken als befreiend zu beschreiben; setzt voraus, dass man es ertragen kann, ohne Boden weiterzugehen und sich den Boden jeweils selbst zu legen. Wenn selbst Sinn konstruiert ist, nimmt ihm das nicht die Wirksamkeit. Liebe, Loyalität, Verantwortung, Trauer, Würde, all dies sind zwar Konstruktionen, jedoch strukturell wirksame Konstruktionen, weil sie Kommunikation und Bewusstsein strukturieren, und das tun sie, gerade weil sie konstruiert sind. Das ist der stille Trost der Systemtheorie: Sie raubt höchst unsensibel Illusionen, aber sie sagt nicht, dass Sinn verschwinden muss; sie sagt nur: Sinn ist etwas, das wir aktiv erzeugen müssen.
Das ist weniger kalt, als es klingt. Systemtheorie ist keine Einladung zum Zynismus. Sie ist eine Schule der Distanz und Begrenztheit und damit schließt sich der Kreis zu „Gödel, Escher, Bach: Ein Endloses Geflochtenes Band“ und Douglas R. Hofstadter.