Daniel Günther ist in der Sendung von Markus Lanz ein klassischer Frame-Slip passiert. Die Ausgangsintention: Eigentlich ging es um den Schutz von Jugendlichen vor exzessiver, unterkomplexer, suchtförmiger Plattformlogik, und dann die von Lanz zugespitzte Triggerfrage: „Wir müssen das regulieren? Wir müssen notfalls zensieren? Und im Extremfall sogar verbieten?“
Daniel Günther antwortet in aller Unüberlegtheit schlicht mit „Ja.“ Der gleich im Anschluss in der Sendung erfolgte Verweis auf ein Jugendschutz-Modell, das als Gegenteil politischer Zensur erfolgt, kann die Skandalisierung all jener, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, missverstehen zu wollen, nicht verhindern. Das Problem ist jedoch nicht, dass Günther irgendetwas Verfassungswidriges wollte, sondern: Er hat ein semantisch hochradioaktives Wort („verbieten“) in einem maximal aufgeladenen Kontext verwendet. In der heutigen Medienökologie ist das fast ein Selbstanschlag. Vor solchen war Daniel Günther noch nie gefeit, es fehlt ihm sowohl an Format als auch an Intellekt.
Jugendliche werden heutzutage nicht informiert, sondern in Aufmerksamkeitsschleifen gehalten. Jugendschutz ist daher ein klassisch bürgerliches Anliegen, ebenso wie es Ordnung ist. Das ist keine autoritäre, sondern eine entwicklungspsychologisch und medienkritisch ausgerichtete Position. Jugendliche sind nicht hinreichend gefestigt. Influencer-Logiken hingegen sind unterkomplex, emotionalisierend, auf Aufmerksamkeit, nicht auf Wahrheit gebaut. Man kann Influencer-Kultur kritisieren, ohne gleich Zensur zu fordern.
Und genau da liegt der Unterschied, den viele absichtlich verwischen. Das Problem sind nicht die sogenannten Influencer/Beeinflusser/Einflüsslinge, sondern das ökonomische und algorithmische Setting.
Ein liberales Jugendschutz-Modell würde bedeuten, nicht Inhalte zu regulieren, sondern Architekturen zu schaffen. Liberaler Jugendschutz greift nicht in Aussagen ein, sondern in die technischen Bedingungen ihrer Verbreitung mit dem Ziel von Entschleunigung, nicht Kontrolle.
Ein liberales Jugendschutzmodell setzt auf altersabhängige Design-Pflichten statt Altersverbote: Keine Infinite Feeds, keine algorithmische Personalisierung, keine Push-Notifications nachts, keine Autoplay-Kaskaden, keine algorithmische Hochskalierung bei Minderjährigen, keine manipulativen Belohnungsmechaniken, keine künstliche Reichweitenbeschleunigung; stattdessen chronologische Feeds, begrenzte tägliche Nutzungszeit, explizite Pausenmechaniken. Liberaler Jugendschutz schützt nicht vor Gedanken, sondern vor Überforderung.
Was gesagt wird, bleibt frei. Wie stark es verstärkt wird, ist regulierbar. Damit wird Meinungsfreiheit gewahrt, aber Massenbeeinflussung gedämpft, denn nicht Jugendliche müssen medienkompetent sein wie Professoren, sondern Plattformen müssen ihre Logiken offenlegen; ein klassisch bürgerlich-lliberaler Ansatz: Macht wird nicht verboten, sondern sichtbar gemacht. Der Staat setzt den Schutzstandard, die Familie entscheidet über Lockerungen. So bleiben Autonomie, Subsidiarität und Verantwortung dort, wo sie hingehören.
Denn moderne Gesellschaft ist hochgradig differenziert, gekennzeichnet von permanenter Kommunikation, beschleunigten Anschlussketten und algorithmisch verstärkter Reizdichte, Das ist für Erwachsene schon grenzwertig. Für Jugendliche, noch nicht voll ausgebildete psychische Systeme, ist es strukturell überfordernd. Systemtheoretisch gesprochen: Gesellschaft produziert Anschlusszwang, während Psyche Zeit zur Strukturierung braucht. Jugendliche Psychen sind noch nicht hinreichend selbststabilisierend und besonders empfänglich für Belohnung, Anerkennung, Affekt und soziale Spiegelung.
Plattformen operieren nicht primär mit Wahrheit, Sinn oder Bildung, sondern mit: Bewegt/bewegt nicht. Algorithmische Logik ist maximale Anschlussrate, minimale Verweildauer zwischen Reizen und permanente Irritation ausgerichtet. Das Ergebnis ist Hyperanschlussfähigkeit, Null-Regeneration; keinerlei Zeit für Selbstbeobachtung. Für unreife psychische Systeme heißt das Anschluss ohne Integration.
Das eigentliche Risiko dabei sind nicht Inhalte, sondern das Tempo; das Problem ist nicht, was Jugendliche sehen, sondern wie schnell, wie dicht, wie ununterbrochen sie es sehen; Komplexität entsteht nicht durch Vielfalt allein, sondern durch Dichte × Geschwindigkeit × Unvorhersagbarkeit. Jugendliche verlieren dabei Erwartungsstabilität, Frustrationstoleranz und Unterscheidungsfähigkeit. Das System überfährt sie schlicht, ganz so, als ob im Straßenverkehr keine Geschwindigkeitsbegrenzungen existieren würden.
Jugendschutz ist daher systemtheoretisch als temporäre Reduktion von Anschlussfähigkeit zu verstehen. Liberaler Jugendschutz heißt daher nicht weniger Freiheit, sondern weniger Anschlusszwang; künstliche Verknappung von Anschlussoptionen, damit Psyche eigene Strukturen aufbauen kann; weniger Irritation, mehr Zeit zur Selbstreferenz, langsamere Kopplung an Kommunikation. Es würde also nicht Sinn reguliert, sondern die Wahrscheinlichkeit seines Anschlusses. Das wäre ein lediglich struktureller Eingriff, jedoch kein semantischer.
Denn Komplexität muss wachsen dürfen, nicht explodieren; gesellschaftliche Sozialisation funktioniert idealtypisch so: Reduzierte Umwelt in der Kindheit, graduell steigende Komplexität in der Jugend,und dann, im Erwachsenenalter, darf die volle Exposition über uns hereinbrechen. Social Media überspringt jedoch Stufe 2 und wirft Jugendliche direkt in Stufe 3. Bürgerlich-liberalerJugendschutz repariert genau diesen Fehler.
Jugendschutz schützt nicht vor falschen Gedanken, sondern vor zu früher Systemüberforderung, denn Freiheit ohne Zeit zur Strukturierung ist keine Freiheit, sondern Reizexposition. In diesem Sinne ist Jugendschutz kein autoritärer Akt, sondern eine Form gesellschaftlicher Selbstbegrenzung gegenüber den eigenen Beschleunigungsfolgen.