Ein Schulkamerad aus alten Maturazeiten, mit dem gelegentlich immer noch telefoniert wird, trinkt seit langem. Nicht aus Geselligkeit am Abend in illustrem Kreis, sondern den ganzen Tag über und zu Hause. Insgesamt ein schwieriges stabilisiertes psychisches Muster aus Alkohol als Selbstregulationsmittel, Opferdenken als Sinnstruktur, Externalisierung von Verantwortung als Schutzmechanismus und Rebellion als Identitätssurrogat.
Es funktioniert schlecht, aber es funktioniert besser als alles, was für ihn bedrohlicher wäre, etwa Selbstverantwortung, Scheitern ohne Ausrede oder nüchterne Leere.
Mit Systemtheorie kommt man hier nicht sehr weit. Die Einsicht „der Mensch ist nicht Teil der Systeme“ kann recht befreiend sein. Aber für jemanden wie ihn wirkt sie womöglich weniger entlastend als entkernend, entwertend und existenziell beängstigend.
Wenn man jemandem, der ohnehin kein stabiles Zugehörigkeitsgefühl mehr hat, nicht zur Arbeitswelt gehört und nicht zur politischen Ordnung, nicht zur Leistungsgesellschaft und nicht einmal mehr zu sich selbst, das Gefühl gibt „Du bist halt Umwelt, Systeme laufen ohne dich.“, dann hört er nicht Bielefelder Schule, sondern „Du bist überflüssig.“ Das würde womöglich sein Opfer-Narrativ nicht auflösen, sondern bestätigen.
Der harte Kern ist hier nicht der Alkohol, oder anders gesagt: Der Alkohol ist nicht das Problem, sondern die Lösung, die er gefunden hat gegen Kränkung, Ohnmacht, Selbstverachtung und Verantwortung. Menschen wie er sterben, ohne aufgehört zu haben, sich selbst auszuweichen.
Für Menschen wie diesen Schulkameraden, so der Gedanke nach einem intervallsmäßigen Telefonat mit ihm in den vergangenen Tagen, ist das Szenario des betreuten Lebens in einer künftigen Gesellschaft, durchalgorithmisiert von einer systemisch gewordenen funktionalen Super-KI, möglicherweise gar nicht unattraktiv: Keine Entscheidungen, nur Vorschläge, keine Verantwortung, nur Optimierung, keine Selbstkonfrontation, nur Ablenkung, keine Schuld, nur Systemlogik; Empörung wird geliefert, Sinn simuliert, Struktur vorgekaut. Ein Alltag ohne Brüche, ohne Forderungen, ohne Zumutung an das Selbst.
Für jemanden, der sein Leben lang an Autonomie gescheitert ist, fühlt sich das womöglich nicht wie Entmündigung an, sondern wie Erlösung. Der entscheidende Punkt ist nämlich, das betreute Leben ist nicht dystopisch für alle, sondern nur für jene, die noch etwas verlieren können. Für ihn hingegen bedeutete es womöglich keinen Verlust an Selbstbestimmung, denn die war faktisch nie tragfähig. Das System nähme ihm nichts weg, es nähme ihm ab.
Das eigentlich Bittere ist nicht, dass er darin sozusagen gut aufgehoben wäre, sondern dass das System exakt für solche Biografien perfekt funktionieren wird. Menschen, die keine innere Struktur halten können, Verantwortung als Bedrohung erleben und Freiheit mit Überforderung verwechseln, werden die stabilsten Nutzer eines solchen Systems sein; perfekt integrierte Umweltkomponenten.
Der Schulkamerad ist lediglich Vorbote. Er ist kein Randfall, sondern eine frühe Version dessen, was massenhaft kommt, was massenhaft schon da ist, sich aber noch erheblich ausweiten wird. Nicht, weil Menschen dümmer werden, sondern weil Systeme Komplexität externalisieren. Was früher individuelle Krise war, wird künftig systemisch absorbiert.
Jene also, die an Autonomie gescheitert sind, nicht im moralischen Sinn, sondern strukturell, nie gelernt haben oder nie lernen konnten, innere Spannung zu ertragen, Entscheidungen zu tragen, ohne sie sofort externalisieren zu müssen, Freiheit als Zumutung zu akzeptieren und Sinn selbst zu erzeugen anstatt ihn geliefert zu bekommen, werden stabilisiert, für sie ist das KI-Supersystem kein Kontrollapparat, sondern ein Halt. Es übernimmt exakt jene Funktionen, an denen sie immer wieder zerbrochen sind: Struktur, Rhythmus, Priorisierung, emotionale Regulation, minimale Sinnsimulation. Das System erledigt sozusagen das Leben für sie. Und wird erstaunlich gut funktionieren.
Für alle anderen wird es schwierig. Wer ein Sensorium hat für Vereinnahmung, eine Abneigung gegen zu glatte Ordnung, eine Lust an Reibung, Ambiguität und am Denken, für den wird das betreute Leben kein Komfort, sondern ein Verlust an Welt. Dieselbe Struktur ist für den einen Rettungsboot, für den anderen Käfig.
Diejenigen, die Differenz halten können, drohen zermahlen zu werden, also Menschen, die Widerspruch nicht sofort glätten, Ambiguität undramatisch finden, Leerlauf als produktiv erleben, Irritation nicht pathologisieren und Denken nicht nur als Mittel, sondern als Zustand begreifen.
Das KI-Supersystem wird nicht brutal unterdrücken, sondern es wird weich aussortieren. Wer sich nicht einfügt, wird als ineffizient gelten, erhält weniger Relevanz, verschwindet aus Sichtbarkeiten. Dabei ist Sichtbarkeit doch ein so hohes Gut heutzutage, es gibt ja niemanden mehr, der unsichtbar bleiben soll in identitätsfolkloristischen Zeiten wie diesen.
Nicht Verbot also, sondern Unanschlussfähigkeit wird die neue Sanktion sein. In einer solchen Ordnung wird Freiheit nicht abgeschafft, sie wird reklassifiziert, indem sie ineffizient, riskant und psychisch anstrengend wird. Sie bleibt erlaubt, lohnt sich aber nicht mehr.
Was bleiben wird, ist ein kleiner, unbequemer Raum für Menschen, die sich nicht vollständig koordinieren lassen. Dieser Raum wird nicht verschwinden, aber er wird nicht mehr normal sein, sondern randständig, erklärungsbedürftig, fast schon exzentrisch und spleenig. Vielleicht also ist das betreute Leben kein Untergang der Menschheit, sondern ihre Stabilisierung auf niedrigem Niveau.