Die Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) 2026, jenseits von Europa kaum wahrgenommen, bereits in Kroatien nicht, obwohl der kroatische Premierminister am Abschlusstag durchaus gute Figur gemacht hat bei einem der Plenen, in den USA erst recht nicht und in Asien schon gar nicht, ist geschehen.
Zum Abschlusspanel durften vier nachnamenlose Nachwuchsparlameńtarierinnen teils erschreckend unterkomplexe Gedanken zum Thema Neue Weltordnung von sich geben; zum Auftakt hat sich Friedrich Merz tapfer geschlagen, Emanuel Macron hat daran erinnert, dass Demokratie und Aufklärung in Europa erfunden wurden und daher hiesig kaum Bedarf besteht an Ergänzungsunterricht, und Marco Rubio hat in gefühligem Sound nichts Wesensverschiedenes von der im vergangenen Jahr von J.D. Vance ergangenen Tirade gesagt, wurde dafür jedoch stehend ovatiert.
Erleichtert wurde von Stoltenberg über von der Leyen bis Kallas das eiserne transatlantische Kartell ebenso beschworen wie europäische Unabhängig- und Einigkeit angemahnt und in Aussicht gestellt. Boris Rhein hat ein Subplenum genutzt, seine persönliche Betroffenheit über getrübte Kindheitserinnerungen zum Ausdruck bringen, in der er wie alle, die damals in Deutschland Kinder waren, freundlich amerikanischen GIs zugewunken hat, die freundlich zurückgewunken haben. Franziska Brantner war enorm bewegt als Europäische Litfasssäule anwesend und beschwor Konzentration auf sich selbst, wenn man schon von den Kindern vor die Tür gesetzt wird. Insgesamt waren in München viel Erleichterung, Wehmut und ein bisschen Anflüge von Trotz bei gleichzeitiger Furcht, dass die Kinder sich endgültig abwenden.
Die Münchner Sicherheitskonferenz (MSC) ist kein Verhandlungsorgan, sondern primär Forum, Signalraum und Ort der Positionsbestimmung. Dass die Welt sich wegbewegt von einer Phase relativer Unipolarität, geprägt von einem dominanten Westen, hin zu einer Phase stärkerer Multipolarität, ist mittlerweile mehr Gemeinplatz denn Befund.
Internationale Ordnung ist kein statisches Gleichgewicht, sondern ein dynamisches System. Stabilität entsteht nicht durch das Verschwinden von Differenzen, sondern durch deren Bearbeitung. Die gegenwärtige Phase lässt sich vor diesem Hintergrund am ehesten als eine Phase erhöhter struktureller Neujustierung beschreiben, deren Ausgang nicht vollständig vorbestimmt ist.
Die zentrale strategische Herausforderung für Europa
Europa ist in klassischen Machtkategorien nicht schwach, es ist die größte integrierte Wirtschaftszone der Welt, weist enorme regulatorische Macht auf, verfügt über technologische und industrielle Basis sowie über kulturelle und institutionelle Attraktivität.
Aber moderne Macht besteht aus der Kombination von wirtschaftlicher Fähigkeit, technologischer Fähigkeit, militärischer Fähigkeit, politischer Kohärenz und strategischer Selbstwahrnehmung. Der kritische Punkt für Europa ist weniger Fähigkeit als Kohärenz.
Europa steht jedoch vor drei gleichzeitigen Aufgaben, nämlich interne Kohärenz zu erhöhen, um Entscheidungsfähigkeit zu verbessern, strategische Eigenständigkeit zu stärken, um nicht vollständig von externen Sicherheitsgarantien abhängig sein sowie Kommunikationsfähigkeit in alle Richtungen zu erhalten, auch in Spannungsphasen.
Europa muss entscheiden, ob es Objekt oder Subjekt der entstehenden Ordnung sein will
Europa ist ein hochkomplexes System mit sehr hoher interner Differenzierung, aber noch unvollständig integrierter strategischer Selbststeuerung. Europa muss nicht zu einem Imperium werden, um ein relevanter Akteur zu sein. Aber es muss sich als Akteur verstehen, kohärent handeln können und strategische Selbstdefinition entwickeln, nicht gegen andere, sondern um in einem multipolaren System stabil operieren zu können. Stabilität entsteht nämlich nicht aus Homogenität, sondern aus der Fähigkeit, Differenz dauerhaft zu verarbeiten.
Während Europa im Post-Berlin-Mauerfall-Taumel die weit verbreitete Erwartung entwickelte, dass sich die Welt in Richtung einer stabileren, kooperativeren Ordnung entwickeln würde, aufgrund des Zusammenbruch eines konkurrierenden ideologischen Systems, nämlich der UdSSR, rascher Integration Osteuropas in europäische und globale Strukturen, starker Expansion des internationalen Handels und institutioneller Verdichtung (EU-Vertiefung, WTO-System) womöglich zurecht, Konflikt künftig durch Integration ersetzt würde, veränderte sich die globale Machtverteilung tatsächlich, entwickelte China sich zu einer großen wirtschaftlichen und technologischen Macht, stabilisierte sich Russland nach der Instabilität der 1990er Jahre und definierte seine strategische Rolle neu, gewannen andere Regionen an wirtschaftlicher und politischer Bedeutung. Diese Entwicklungen waren langfristig angelegt und wurden auch beobachtet, aber ihre volle Tragweite wurde unterschiedlich eingeschätzt.
Das europäische Integrationsmodell funktionierte unter sehr besonderen Bedingungen, nämlich Sicherheitsgarantie durch die USA, wirtschaftlicher Wiederaufbau durch den Marshallplan, relative kulturelle und institutionelle Nähe der beteiligten Staaten sowie gemeinsame Erfahrung katastrophaler Kriege. Diese Kombination existierte global nicht in gleicher Weise. Andere Staaten operierten unter anderen historischen Bedingungen und mit anderen Sicherheitslogiken; ihre strategischen Ausgangslagen waren schlicht anders. Europa operierte lange unter der Erwartung, dass wirtschaftliche Integration zu politischer Stabilisierung und langfristiger Kooperation führt.
Europa hat seine interne Ordnung durch Reduktion von Konflikten, Integration von Differenzen und institutionelle Verdichtung stabilisiert, die globale Umwelt blieb jedoch ein System mit höherer struktureller Kontingenz und unterschiedlichen Machtlogiken. Die Differenz zwischen interner Stabilität und externer Kontingenz wurde lange durch günstige Rahmenbedingungen überdeckt. Andere Akteure verbanden wirtschaftliche Entwicklung stärker mit strategischer Autonomie, Machtprojektion, nationaler Selbstbehauptung.
Jetzt tritt dies deutlich hervor. Europa lebte mehrere Jahrzehnte in einer historisch ungewöhnlich stabilen Konstellation, die teilweise als neue Normalität interpretiert wurde. Diese Konstellation war jedoch ein spezifisches historisches Fenster, nicht notwendigerweise ein dauerhaft stabiler Endzustand. Diese Phase brachte enorme wirtschaftliche Entwicklung, hohe interne Stabilität, historische Versöhnung innerhalb Europas. Das kann fast nicht hoch genug geschätzt werden.
Stabilität durch tragende, belastbare Strukturen
In der Gegenwart erscheinen Probleme akut und dominant. Jeder Gegenwart geht dies so, Probleme als akut und dominant zu sehen. Im Rückblick auf vergangene Probleme ist entscheidend, dass sie das System nicht destabilisiert haben. Der strukturelle Unterschied gegenwärtiger Problemlagen zu vergangenen liegt hierbei weniger in der Anzahl der Krisen als in der Veränderung der Rahmenbedingungen.
Heute sind mehrere der früher tragenden Elemente gleichzeitig im Wandel, neben wirtschaftlichen Strukturveränderungen geschieht geopolitische Neujustierung, verändern sich globale Machtverhältnisse. Alles dies passiert gleichzeitig zur technologischen Transformation. Das bedeutet nicht zwangsläufig Instabilität, aber es bedeutet erhöhte Anpassungsanforderungen.
War die erste Phase des 21. Jahrhunderts gekennzeichnet von hoher Strukturstabilität bei gleichzeitig hoher Ereignisdichte, globale Finanzkrise 2008/09, Eurokrise und insbesondere Griechenlandkrise, Staatsschuldenproblematik im Euroraum, Flüchtlingsbewegung 2015/16, erste deutliche geopolitische Spannungsverschiebungen nach 2014, ist die gegenwärtige Phase geprägt von Strukturtransformation, nicht notwendigerweise also von mehr Ereignissen, sondern von veränderten strukturellen Voraussetzungen.
Konnten Krisen der ersten Phase also noch innerhalb eines stabil tragenden Systems bearbeitet werden, befinden wir uns heute in einer Phase, in der sich einige der tragenden Systemelemente selbst verändern. Systeme tragen, solange ihre internen und externen Kopplungen stabil genug sind. Wenn sich diese Kopplungen verändern, entsteht nicht sofort Instabilität, aber die Selbstverständlichkeit der Stabilität verschwindet.
Europa hat sich anzupassen an all dies. Dass dies freilich eine enorme Aufgabe ist, viel zu langsam passiert und bei all der Gleichzeitigkeit die Gefahr immer präsent bleibt, den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen, steht auf einem anderen Blatt. Europa ist ein hochkomplexes System, gekennzeichnet von hoher interner Differenzierung, jedoch noch unvollständig integrierter strategischer Selbststeuerung. Ein strukturell anspruchsvoller Balanceakt, ausreichend Einheit herzustellen, ohne interne Vielfalt zu zerstören.