Warum Empörung zu teuer geworden ist

Empörung ist kein moralischer Zustand, sondern eine Kommunikationsform. Sie ist eine spezifische Art, Sinn zu erzeugen, Anschluss zu erzwingen und Aufmerksamkeit zu binden. Ihre gesellschaftliche Funktion bestand lange Zeit darin, Irritation sichtbar zu machen und normative Grenzverletzungen zu markieren.

Diese Funktion ist absehbar erschöpft.

Empörung als operative Überlastung

In funktional differenzierten Gesellschaften sind Kommunikationsformen nur so lange stabil, wie ihre Kosten unterhalb ihrer Leistungsfähigkeit bleiben. Empörung erzeugt Aufmerksamkeit, verbraucht jedoch Anschlussfähigkeit. Sie steigert kommunikative Frequenz, ohne jedoch Entscheidungsfähigkeit zu erhöhen. Sie erhöht die Zahl der Anschlüsse, senkt jedoch deren Qualität.

Digitale Öffentlichkeiten haben Empörung von einer episodischen Form in einen permanenten Betriebszustand überführt. Die Unterscheidung Ausnahme/Normalfall ist kollabiert. Empörung operiert nicht mehr als Störung, sondern als Grundrauschen und verliert damit ihren funktionalen Mehrwert.

Die Kostenstruktur der Empörung

Empörung belastet mehrere Systeme gleichzeitig:

– Politik: Empörungsgetriebene Kommunikation ist nicht verfahrensfähig. Sie erhöht Erwartungsdruck, ohne programmatische Reduktion zu ermöglichen

– Recht: Normative Eskalation erzeugt Prüfungsbedarf, aber keine neuen Entscheidungsregeln

– Medien: Empörung steigert Reichweite, senkt jedoch Selektionsschärfe

– Psychische Systeme: Dauererregung führt nicht zu Handlung, sondern zu Erschöpfung

Empörung produziert damit Komplexität ohne Steuerungsgewinn. Systemisch ist das ein Missverhältnis.

Besonderheit der deutschen Konstellation

In Deutschland wird Empörung in der Mitte bevorzugt in zivilisierter Semantik vorgetragen, erscheint argumentativ, verantwortungsvoll, historisch sensibilisiert, das ist dann der Karina Mössbauer Typus. Funktional unterscheidet sich dieser jedoch kaum von affektiver Polarisierung an den Rändern, gleich ob vom Typus Heidi Reichinnek oder Alice Weidel. Die moralische Selbstveredelung ersetzt nie die strukturelle Analyse.

Linke, rechte und mittige Empörung variieren lediglich in Inhalt und Stil, nicht jedoch in ihrer operativen Wirkung. Alle steigern Reibung, senken Anschlussfähigkeit und verlängern Konfliktzyklen.  Die strukturelle Logik der Empörung unterscheidet nicht nach politischen Inhalten. Rechte Empörung operiert mit Bedrohungsnarrativen und Identitätslogiken, linke Empörung mit moralischer Überlegenheit und Schuldzuschreibung, die Empörung der Mitte mit Meta-Moral und Distanzgesten. Die Codes variieren, die Funktion bleibt gleich.

Alle drei Varianten erzeugen affektive Mobilisierung, aber keine Anschlussfähigkeit. Die politische Kommunikation verlagert sich von Problemlösung zu Positionierung. Entscheidungen werden vertagt, verrechtlicht oder symbolisch überhöht. Der Preis ist institutionelle Erschöpfung: Parlamente, Verwaltungen und Gerichte werden mit moralisch aufgeladenen Konflikten belastet, die sie strukturell nicht lösen können. Empörung ersetzt Politik, ohne politisch zu sein und die Gesellschaft reagiert darauf mit Ermüdung.

Dauerempörung stumpft ab, Reizschwellen steigen, Eskalationen müssen intensiver ausfallen, um dieselbe Aufmerksamkeit zu erzeugen. Deutschland befindet sich erkennbar am Sättigungspunkt der Empörung. Ihre kommunikative Bearbeitung ist zu teuer geworden: Politische Prozesse verlangsamen sich, Vertrauen in Institutionen erodiert, während gleichzeitig immer neue moralische Erwartungen formuliert werden.

Warum Systeme umsteuern müssen

Systeme können dauerhaft keine Kommunikationsformen tolerieren, deren Kosten ihren eigenen Reproduktionsbedingungen widersprechen. Empörung ist teuer, weil sie Erwartungssicherheit zerstört, Verfahren überlastet und Anschlussfähigkeit reduziert.

Es ist jedoch nicht zu erwarten, dass Empörung durch Einsicht oder Appelle zurückgeht. Sie wird strukturell entwertet. Sichtbarkeit verschiebt sich. Resonanz wird gedämpft. Aufmerksamkeit wird neu verteilt. Nicht Empörung verschwindet, sondern ihre Wirksamkeit.

Andere gesellschaftliche Funktionsysteme reagieren ebenfalls nicht aus Einsicht auf fortwährenden Irritationsbeschuss, sondern aus Notwendigkeit. Politik, Verwaltung, Wirtschaft können sich permanente affektive Eskalation schlicht nicht mehr leisten. Empörung wird umgangen, gedämpft, gefiltert, sie wird nicht verboten, sondern unproduktiv.

Anschlussfähigkeit als neue Knappheit

In dieser Verschiebung verändert sich auch die Position des Individuums. Nicht durch politische Aktivierung, sondern durch kommunikative Selbstbegrenzung. Anschluss als knappe Ressource. Nicht jede Irritation verlangt Reaktion. Nicht jede Provokation verlangt Positionierung. Nicht jede Empörung verlangt Anschluss. Synthesen sind gefälligst offen zu halten.

Systemtheoretisch ist das kein Rückzug, sondern eine Komplexitätsreduktion am einzigen verbleibenden Ort: im psychischen System. Wer selektiert, stabilisiert Kommunikation. Wer nicht anschließt, erzeugt Differenz ohne Eskalation; eine Form funktionaler Rationalität.

Brücke zwischen Systemlogik und Lebenspraxis

Diese Rationalität manifestiert sich in Mikromanagement von Anschlussfähigkeit, in bewusster Filterarbeit vor der Empörung, nicht nach ihr; es geht nicht darum, Meinungen zu reduzieren, sondern deren Irritationsfrequenz; das ist ein entscheidender Unterschied. 

Was jeder tun kann:

-Anschluss ist optional, nicht verpflichtend

Systeme operieren anschlussfähig oder nicht, Menschen müssen das nicht permanent tun. Der gegenwärtige Irrtum vieler ist, Anschluss mit Teilhabe zu verwechseln. Dabei ist Anschluss immer eine aktive Leistung, keine moralische Pflicht. Nicht alles, was sichtbar ist, verlangt Antwort. Nicht alles, was affektiv angeboten wird, muss affektiv beantwortet werden. Der eigene Senf ist im Kühlschrank gut aufgehoben.

– Empörung funktioniert nur bei Mitwirkung

Empörung ist kein Naturereignis, sie ist ein Kooperationsprodukt. Sie braucht Aufmerksamkeit, Reaktion, Wiederholung. Wer nicht liked, nicht kommentiert, nicht teilt, entzieht dem Emotion/Attention-System Energie, ohne protestieren zu müssen. Das ist keine Verweigerung, sondern ökonomisches Verhalten.

– Filter sind keine Flucht, sondern Kompetenz

Benachrichtigungen abzuschalten, Kanäle selektiv zu nutzen, Antwortzeiten zu entkoppeln, das ist keine Weltabkehr, sondern eine Rückeroberung der eigenen Taktung. Systeme lieben Echtzeit. Menschen brauchen Rhythmus. Wer den Rhythmus verteidigt, bleibt irritierbar, aber nicht dauererregt.

– Nicht-Anschluss ist keine Gleichgültigkeit

Das wird oft verwechselt; Nicht-Anschluss heißt nicht: „Es ist mir egal“, sondern: „Ich entscheide, wann und wie ich anschließe.“ Das ist der Unterschied zwischen souveräner Distanz und zynischer Apathie.

-Würde entsteht durch Maßhalten, nicht durch Lautstärke

In einer Ordnung, die Sichtbarkeit belohnt, wird Unsichtbarkeit schnell als Defizit gelesen. In Wahrheit ist sie oft eine Form von Selbstschutz und Klarheit. Wer nicht permanent reagiert, bleibt handlungsfähig. Wer nicht überall Stellung bezieht, behält Urteilskraft.

Es liegt nicht nur, aber eben auch am Einzelnen. Nicht, das System zu stoppen, das ist illusionär, sondern zu entscheiden, wo man sich anschließt und wo nicht. Und auch zu entscheiden, dass nicht jeder Nichtanschluss gleich öffentlich verlautbart werden muss. Das ist die unspektakulärste, aber wirkungsvollste Form von Freiheit in einer digitalen und koordinierten Welt: Nicht alles mitzumachen, was technisch möglich und sozial angeboten wird. Konsequente Selektivität.

Was nach der Empörung folgt

Empörung ist keine billige Ressource, sondern eine der teuersten Kommunikationsformen, die moderne Gesellschaften hervorgebracht haben. Sie erzeugt maximale Irritation bei minimalem Ertrag, erhöht Aufmerksamkeit kurzfristig, zerstört aber Anschlussfähigkeit langfristig; sie produziert keine stabilen Entscheidungen, sondern Eskalationsschleifen, friert Positionen moralisch ein und verbraucht Komplexität statt sie zu reduzieren.

Empörung ist oder vielmehr war eine Übergangstechnologie, nützlich zur Mobilisierung, ungeeignet zur Dauersteuerung. Was kommt, ist kälter, leiser, effizienter, weniger Skandal, mehr Filter, weniger Konflikt, mehr Vorstrukturierung, bis sich letztlich ein betreuungsgleicher Zustand ergibt, in der Künstliche Intelligenz Relevanz, Aufmerksamkeit und Organisation vorselektiert.

Gesellschaften reproduzieren sich nicht durch maximale Erregung, sondern durch anschlussfähige Differenz im Sinne fortsetzbarer Kommunikation.